Verwahrlosung in den Straßen und in den Köpfen

von KLAUS KELLE

Die deutsche Hauptstadt Berlin ist auch heute noch für viele – meistens junge – Menschen ein Sehnsuchtsort. Aber unsere Stadt, das politische Zentrum Deutschlands, ein Hort der Kreativität und nahezu unbegrenzter Möglichkeiten, steht an einem Scheideweg. Während die Vier-Millionen-Metropole als Tourismusmagnet und Startup-Hub funktioniert, wächst hinter glänzenden Fassaden in Mitte oder rund um das alte Zentrum Kurfürstendamm bei vielen Berlinern die Sorge.

Man muss nicht groß suchen, um an vielen Stellen eine fortschreitende Verwahrlosung des öffentlichen Raums festzustellen. Es geht dabei weniger um ästhetische Mängel, sondern um ein komplexes Geflecht aus sozialem Abstieg, Müll als Dauerzustand und einem schwindenden Sicherheitsgefühl. Und um die Verwahrlosung in den Köpfen.

Sie alle wissen, dass Berlin eine sehr grüne Stadt ist, mit vielen Parkflächen, vielen Bäumen und viel Wasser

Aber wenn überall achtlos hingeworfener Müll liegt, vergeht dem Spaziergänger und den Touristen die Freude an den sonnigen Seiten der Großstadt. Als ich jüngst zu einem Arztbesuch musste, fand ich an der Praxistür ein aufgeklebtes Blatt der Eigentümer: „Liebe Patientinnen und Patienten! Bitte entsorgen Sie den gröbsten Dreck und die Steine außerhalb der Praxis! Vielen Dank für Ihr Verständnis, Ihr Praxisteam“.

Kein Witz: den gröbsten Dreck und die Steine außerhalb der Praxis…

Was ist los in unserer Stadt?

Was geht in den Köpfen mancher asozialer Zeitgenossen vor? Ein junger Berliner erzählte mir vor ein paar Wochen, dass er in der S-Bahn einen Mann gesehen habe, der in dem Wagen Fleisch grillte. Und ein Polizist berichtete mir von einem anderen Mann, der in der S-Bahn seine Hose runterließ und seine Notdurft vor den Augen aller anderen Fahrgäste verrichtete. Dann verteilte er seinen Kot mit seinen Händen an den Wänden des Zuges. Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Das ist nicht DAS BRLIN, aber so was passiert in Berlin. Und ein abgestumpftes urbanes Publikum nimmt es einfach hin. Man will ja keinen Ärger bekommen, und die anderen unternehmen ja auch nichts.

Wer durch Bezirke wie Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg oder Mitte geht, stößt unweigerlich auf achtlos entsorgten Sperrmüll, überquellende Abfalleimer und wilde Deponien an Straßenecken. Die Zahlen sind eindeutig: Die Berliner Behörden verzeichnen einen drastischen Anstieg illegaler Müllentsorgungen. Allein über die App „Ordnungsamt-Online“ gehen täglich hunderte Meldungen ein. Matratzen, Kühlschränke und Bauschutt prägen das Straßenbild in manchen Kiezen stärker als die historische Architektur.

Dieser Zustand ist kein reines Problem der Stadtreinigung

Die Berliner Stadtreinigung (BSR) hat ihre Reinigungsintervalle in vielen Bereichen bereits erhöht, stößt aber an Kapazitätsgrenzen. Experten sehen die Ursache in einer Mischung aus mangelndem Verantwortungsbewusstsein der Bürger und einer Überforderung der Ordnungsbehörden. Das Bußgeldaufkommen ist zwar gestiegen, doch die Verfolgung der Täter bleibt in der anonymen Großstadt schwierig. Wenn Parks wie der Görlitzer Park oder das Tempelhofer Feld nach sonnigen Wochenenden unter Müllbergen verschwinden, wird die Dreck-Metropole zum traurigen Markenzeichen.

Wenn Straßen zum Wohnort werden

Eng verknüpft mit dem optischen Niedergang ist die dramatische Zunahme der Obdachlosigkeit und des sichtbaren sozialen Elends.

Berlin hat sich zum Epizentrum der Wohnungslosigkeit in Deutschland entwickelt. Schätzungen gehen von mehr als 55.000 Menschen aus, die ohne festen Wohnsitz sind, wobei mehrere Tausend davon dauerhaft auf der Straße leben. An Verkehrsknotenpunkten wie dem Bahnhof Lichtenberg, dem Leopoldplatz oder unter den Brücken der Stadtbahntrasse haben sich regelrechte Zeltstädte gebildet.

Das ist kein rein wirtschaftliches Problem, sondern oft eine Folge von psychischen Erkrankungen und Suchtproblematiken. Die offene Drogenszene, die sich früher auf Brennpunkte wie das Kottbusser Tor konzentrierte, hat sich auch in andere Teile des Berliner Stadtbildes hineingefressen. Drogenkonsum im öffentlichen Raum, weggeworfene Spritzen auf Spielplätzen und die aggressive Bettelei führen dazu, dass sich viele Berliner im eigenen Kiez nicht mehr sicher fühlen

Infrastruktur im Niedergang

Verwahrlosung zeigt sich auch in der Bausubstanz und den öffentlichen Einrichtungen. Berlin leidet unter einem massiven Sanierungsstau. U-Bahnhöfe, die nach Urin riechen, defekte Rolltreppen, die über Monate nicht repariert werden, und bröckelnde Schulgebäude sind Zeugnisse einer Stadtverwaltung, die über Jahrzehnte bloß den Mangel verwaltet hat.

Wenn mal Geld zu verteilen war, dann für spinnerte ideologische Projekte.

Besonders deutlich wird dies an den öffentlichen Toiletten. Vandalismus und Zweckentfremdung als Drogenumschlagplatz führen dazu, dass viele Anlagen unbenutzbar sind oder geschlossen werden müssen. Der öffentliche Raum, der eigentlich als Aufenthaltsort für alle Bürger dienen sollte, verliert seine Qualität. Graffitis – einst Ausdruck subkultureller Vitalität – werden vielerorts nur noch als Schmiererei und Zeichen der Vernachlässigung wahrgenommen, da sie auch vor historischen Denkmälern und frisch sanierten Flächen keinen Halt machen

Nach der „Broken-Windows-Theorie“ führt ein verwahrlostes Umfeld dazu, dass die Hemmschwelle für Straftaten sinkt. Berlin verzeichnete zuletzt die höchsten Kriminalitätsraten unter den deutschen Millionenstädten. Raubüberfälle, Taschendiebstahl und Körperverletzungen an zentralen Plätzen wie dem Alexanderplatz sind statistisch gesehen auf einem besorgniserregenden Niveau. Die Polizei wirkt oft nur noch wie ein Feuerlöscher, der Symptome bekämpft.

Die fortschreitende Verwahrlosung Berlins ist ein Warnsignal. Sie ist das Resultat aus rasantem Bevölkerungswachstum, sozialer Ungleichheit und einer Verwaltung, die mit der Dynamik der Stadt kaum mehr Schritt halten kann.

Berlin droht, seinen Charme als „arm, aber sexy“ zu verlieren und stattdessen als überfordert wahrgenommen zu werden.

Im Herbst wird ein neuer Senat gewählt. Das wichtigste Thema steht bisher überhaupt nicht auf der Agenda des langsam anlaufenden Wahlkampfes. Haben die, die uns regieren wollen, den Kampf gegen die Verwahrlosung unserer Stadt also schon aufgegeben?




Müll, Drogen, Wohnungsmangel – unsere Hauptstadt glitzert, funktioniert aber nicht

Wer in diesen Tagen aus dem Berliner Hauptbahnhof herausschlendert, blickt auf die glitzernden Fassaden des Regierungsviertels mit dem Reichstag über dem, gut sichtbar, schwarz-rot-goldene Fahnen wehen. Willkommen in der Weltstafdt im Herzen Europas! Sieht echt gut aus!

Doch gehen Sie mal ein paar Schritte weiter in den Tiergarten oder in die U-Bahnhöfe in Neukölln und Kreuzberg! Da zeigt sich ein anderes Bild von Berlin. Und das ist düster und beunruhigend. Denn die deutsche Hauptstadt ist heute sozial tief gespalten, Obdachlosigkeit, Drogenmissbrauch und eine unübersehbare Vermüllung des öffentlichen Raums, gepaart mit Messergewalt lassen für die Zukunft der Vier-Millionen-Stadt Schlimmes erwarten.

Ja, trotz aller Probleme bleibt Berlin ein Magnet für Gäste aus aller Welt

Im internationalen Ranking der „World’s Best Cities 2026“ hält sich unsere Metropole stabil in den Top 10. Die Kulturszene boomt, und die Wirtschaft – getrieben durch Tech-Startups und große Ansiedlungen im Umland – zeigt sich resilient. Und als politische Zentrale ist Berlin sowieso so präsent wie seit vielen Jahren nicht mehr, was allerdings nicht unbedingt mit einer brillianten Performance der Regierenden zusammenhängt.

Hinter der Fassade der Boomtown aber wächst echte soziale Not

Mehr als 40.000 Menschen haben, offiziellen Zahlen des Senats zufolge, derzeit kein festes Dach über dem Kopf. Und es ist verdammt kalt gerade. Zwar sank die Gewaltkriminalität im Jahr 2025 leicht, aber die Zahl der Menschen, die ganz unten angekommen sind, steigt ungebremst. Und Geld zum Verteilen gibt es kaum

Vermüllung überall im Stadtgebiet

Selbst im Regierungsviertel oder im bürgerlichen Nobelstadtteil Zehlendorf sind viele Bürger frustriert über vermüllte Ecken. Die Folge daraus: illegale Müllentsorgung. Um den Unrat einsammeln zu lassen, wendet der klamme Senat jährlich rund zehn Millionen Euro auf. Und was fällt Berliner Politikern dazu noch ein? Na klar, Verbote. Im Oktober startete der Senat eine „Bußgeld-Offensive“ : Das Wegwerfen einer Zigarettenkippe kostet nun 100 Euro, das Liegenlassen von Hundekot 55 Euro.

Aber – dit is Berlin – es fehlt in den Bezirken schlicht an Personal, um die hohen Bußgelder auch wirklich durchzusetzen und einzutreiben. Während die BSR nach Silvester Höchstleistungen vollbrachte, bleibt der schleichende Unrat in den Wohnkiezen ein Dauerthema.

Woran das liegt?

Berlin hat seine Wohnungsbauziele im Jahr 2025 erneut verfehlt. Der Leerstand ist extrem niedrig. Wohnungen müssen her! Doch das Milliardenloch im Landeshaushalt zwingt die Wegner-Koalition aus CDU und SPD dazu, den Rotstift anzusetzen, auch da, wo es wehtut. Und das in einem Wahljahr.

Die Obdachlosigkeit in Berlin bis zum Jahr 2030 besiegt zu haben, verspricht man den Bürgern aus dem Roten Rathaus. Wie das gelingen soll, bleibt mir schleierhaft. Gerade, wenn man Berlin nicht nur als repräsentative Kulisse für die Weltpolitik versteht.




Immer wieder Randale: Jetzt macht Bezirk Mitte abends einen Park zu

Mehrfach hat es während der Corona-Pandemie im Berliner James-Simon-Park gegenüber der Museumsinsel Auseinandersetzungen zwischen feiernden Besuchern und Polizisten gegeben. Manchmal dauerten sie bis in die Morgenstunden. Damit soll nun Schluss sein.Der Bezirk Mitte greift durch: Der Besuch des Parks ist ab Freitag nach 20 Uhr nicht mehr erlaubt. Wer sich nicht daran hält, riskiere ein Bußgeld, sagte der Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel am Donnerstag.

Der Bezirk erlasse eine entsprechende Allgemeinverfügung, die am Freitag in Kraft treten soll, sagte der Grünen-Politiker. Von Dassel hatte diese Pläne am Mittwochabend auf Twitter angekündigt und dabei auch mitgeteilt, die in den S-Bahnbögen am Park ansässigen Gaststätten seien dringend gebeten worden, keinen Alkohol zum Mitnehmen zu verkaufen. Künftig will der Bezirk außerdem darauf achten, dass das in der Infektionsschutzverordnung festgelegte Alkoholverbot im James-Simon-Park eingehalten wird.

Mehr Streifen im Park

Von Dassel kündigte an, das Bezirksamt werde mehrere Streifen zu Kontrollen in den Park schicken. Sie sollen nicht erst um 20 Uhr dort aufkreuzen, sondern Besucher bereits vorher auf die neuen Regeln hinweisen. «Je voller und je aggressiver es wird, umso mehr muss durch Polizei ergänzt werden», sagte von Dassel. Wer nach 20 Uhr noch im Park angetroffen werde, müsse mit einem Bußgeld ab 25 Euro rechnen. Je nach Schwere des Delikts könne es aber auch deutlich höher ausfallen. Eine Umzäunung sei zunächst nicht geplant.

Erst am vergangenen Wochenende wurden Polizisten mit Flaschen und Steinen beworfen. In dem kleinen Park, in dem sich zeitweise rund 2500 Besucher drängten, wurden in der Nacht zum Sonntag 19 Polizisten verletzt.

Vorbilder in Frankreich und England

Berlin folgt damit dem Beispiel anderer europäischer Länder. In Frankreich etwa sind viele Parks generell nachts nicht zugänglich, andere waren in der Corona-Pandemie zwischenzeitlich ganz geschlossen. In England sind Parks häufig umzäunt und werden nach Sonnenuntergang abgeschlossen. In der Corona-Pandemie, in der viele Stadtbewohner ihre Grünflächen neu schätzen lernten, gab es mehrere «Respect Your Local Park»-Kampagnen, die dazu aufriefen, Müll mitzunehmen und sich anderen gegenüber respektvoll zu verhalten.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hat die Ankündigung des Bezirks grundsätzlich begrüßt. Berlins CDU-Fraktionschef Burkard Dregger hingegen zeigte sich skeptisch. «Wir warnen vor unüberlegten Schnellschüssen im James-Simon-Park», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. «Wie viele Grünanlagen will Herr von Dassel noch sperren, in die Party-Besucher dann abwandern könnten?»